Eine Rechnung über 1.623.500,00 Euro.

Sonntag, 20. März 2011

Eine Rechnung über 1.623.500,00 Euro.

Da hat der Herr Koch sicher nicht schlecht geguckt, als ihm der Brief von “Ja zum Nürburgring” in’s Haus geflattert kam. Die Rückforderung an die Nürburgring GmbH in dieser Höhe ist an den Geschäftsführer adressiert und wurde schon am 28.Februar verschickt. Inklusive Kontonummer und allem drum und dran, der Betrag soll sobald er eingeht in eine Sportstiftung eingebracht werden zur Förderung von Nachwuchs und Breitensport.

Absender ist Otto Flimm, witzigerweise hat er seinen Brief an seine eigene Straße geschickt:

Dort ist nämlich die Nürburgring GmbH zuhause in dem originalen Verwaltungsgebäude. Etwas früher am 23.Februar hat Otto Flimm den Kurt Beck angeschrieben, in dessen Auftrag die Eifel zubetoniert worden ist:

“Wir möchten Sie bitten, der aus unserer Sicht prekären Fehlentwicklung, Einhalt zu gebieten.”

Der Verein “Ja zum Nürburgring” hat nicht nur die kürzlich an der Nordschleife investierten 1,6 Mio. beigesteuert, er hat sich auch beim Bau der Grand Prix Strecke mit fast 10% beteiligt.

Man hat in der Vergangenheit den Verbänden und Otto Flimm regelmäßig zugesichert, daß sich trotz Erlebnis°Grab für die Rennstrecken und die Veranstaltungen nichts ändern wird. Andernfalls wäre man schon viel früher auf die Barrikaden gegangen. Jetzt wird klar, daß sich sehr viel ändert - das ehemals zugesicherte Mitspracherecht und die Mitverantwortung für die Rennstrecken werden ad absurdum geführt.

In der Pressekonferenz letzten Dienstag meinte Otto Flimm sogar:

“Die jetzige Situation ist viel, viel schlimmer als unsere Probleme in den achziger Jahren.”

Damals stand der Ring heftig auf der Kippe, nach dem letzten F1 auf der Nordschleife mußte eine neue moderne Strecke her, um einen weiteren Sportbetrieb zu ermöglichen. Man hatte unter dem Banner “Rettet den Nürburgring” 100.000 Unterschriften gesammelt und Otto Flimm hat sich mit aller Kraft für den Ring-Erhalt eingesetzt. Damals ist z.B. Hans-Joachim Stuck mit einem “Ja zum Nürburgring” BMW M1 ausgerückt. Heute wechselt er die Seiten, ebenso wie Hans Jürgen Hilgeland, der Otto Flimm in der Pressekonferenz mächtig in die Parade gefahren ist.

Otto Flimm ist mit Baujahr 1929 fast genauso alt wie die Nordschleife (1927) und ebenso voller Tatendrang. Er hat zu dem wahnwitzigen Überlebenskampf des Nürburgrings von 1976 - 1984 eine aufwendige Dokumentation zusammengestellt:

Ich durfte sie mir ausleihen und bin schwer beeindruckt von den damaligen Kraftanstrengungen, ohne die es heute garkeinen Nürburgring mehr gäbe. Die Nordschleife wäre wahrscheinlich genauso zugewuchert, wie es die Südschleife aktuell ist. Man kann den Briefen und aufbewahrten Zeitungsartikeln entnehmen, welche Energie und welcher Einsatz auch im Zusammenspiel mit der Politik nötig war, damit die Grand Prix Strecke gebaut werden konnte und damit der Nürburgring insgesamt erhalten wurde.

Wir nehmen das heute alles als selbstverständlich gegeben hin, aber das ist es nicht. Über den Hohn, daß diese Anstrengungen im Sinne des Motorsports und des Allgemeinwohls jetzt profitgierigen Freizeitparklern zugeschustert wurden, brauche ich ja nichts zu schreiben.

Die PK war ganz gut besucht:

Otto Flimm sieht die Rückforderung der Millionensumme nicht als Schadensersatz, sondern als letzte Möglichkeit, den Sport wieder an den Ring zurückzuholen. Er favorisiert die Lösung, daß die alte Nürburgring GmbH das operative Geschäft der Rennstrecken verwaltet - so wie vorher - und eine neue, z.B. “Nürburgring Park- und Freizeit GmbH” den Rest betreibt. Diese Zweiteilung ist elementar und deckt sich auch mit dem Aufruf von SAVE THE RING.

Man zieht aber noch weitere Register und stellt sowohl die Vergabe als auch staatliche Beihilfen in Frage. Unterstützt durch ein Rechtsgutachten von Jürgen Kühling ist man überzeugt, daß die Vergabe zweifelhaft ist und die Rechtsfolge in der Konsequenz eine Nichtigkeit der Verträge nach sich zieht. Uuups. Und das sogar vor dem Hintergrund einer Dienstleistungskonzession, die Minister Hering (als ausgebildeter Jurist!) angeführt hat, um die Einhaltung der EU Gesetzgebung zu rechtfertigen. Er vertritt die Meinung, daß diese nicht den Vergaberichtlinien unterliegt. Auch die Aussage:

“Es war gar nicht möglich, andere dort mit einzubinden.”

wurde von dem Gutachten gepflegt auseinandergenommen.

Das ist so übel, daß die Sportler von Politik und Gier so hintergangen werden, daß keine andere Möglichkeit mehr bleibt, als sich so massiv zur Wehr zu setzen. Und Otto Flimm verdient sich mächtig viel Respekt, daß er 30 Jahre nach seinem gewonnen Schwergewichts-Kampf um den Nürburgring erneut in den Ring steigt.


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