Für mich fällt das 24h-Rennen dieses Jahr aus. facebook.com/renntv twitter.com/renntv RSS Feed für Mike's Blog | renn.tv instagram.com/renntv
  

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    Sonntag, 10. Mai 2015


    Das hätte ich auch nicht gedacht, dass ich das mal sage / schreibe. Das Rennen war für mich immer der Jahresmittelpunkt - so wie für normale Leute Weihnachten. Nach dem Rennen war vor dem Rennen und ich habe regelmäßig die Tage gezählt, bis es wieder losgeht.

    Kaum vorstellbar, aber die ersten Rennbesuche liegen soweit in der Vergangenheit, da hatte ich sogar noch Haare!

    Mit 16 ging der erste Ausflug mit der 50er in die Eifel - das ist jetzt über 30 Jahre her. Dann kam die glorreiche Zeit des Audi 200, der von uns zum ersten Mal 1994 an den Start geschoben wurde.

    Seitdem hat sich viel verändert - leider hauptsächlich zum Schlechten. Das, was für mich persönlich die große Anziehungskraft damals ausgemacht hat, ist nur noch als Überbleibsel vorhanden - manchmal sogar nur noch aus Überlieferungen.

    Mir fallen so Begriffe ein wie: Fairness, Sportsgeist, Kameradschaft, Ursprünglichkeit, Herausforderung, Erfindungsgeist, Purismus, Rennsport mit Herzblut und dem gewissen Extra, das die Nordschleife in ihrer weltweiten Alleinstellung so besonders und anspruchsvoll gemacht hat.

    Leider bin ich nie in den Genuss gekommen, auf der Nordschleife Rennen zu fahren - das letzte Motorradrennen war 1994 und damit vor meiner eigenen aktiven Zeit. Die VLN zu verfolgen war für mich als nicht-mehr-Aktiver die beste Möglichkeit, so hautnah wie möglich dabei zu sein. Und ich habe keine Gelegenheit ausgelassen - seit über 20 Jahren.

    Im vergangenen Jahr habe ich das Rennen verfolgt und viel Spaß gehabt - siehe Mikebericht - um mich danach komplett in den Haus(um)bau zu stürzen. Dadurch war ich quasi gezwungen die Dinge mit Abstand zu betrachten.

    Natürlich gibt es immer Sachzwänge und besondere Umstände zu berücksichtigen - aber spätestens, wenn Probleme Handlungen erfordern erlauben die Ergebnisse deutliche Rückschlüsse auf die Intention der Handelnden.

    Was früher einmal durch den sportlichen Ehrgeiz begründet war, reduziert sich heute immer mehr auf ein Geschäft. Oder Neudeutsch: den Business Case.

    Die Teams - die Fahrer - die Hersteller - alle scheinen nur noch ein Ziel zu verfolgen: Geld zu verdienen.

    Das klingt erst einmal paradox, denn normalerweise ist besonders der Motorsport dafür bekannt Geld zu verbrennen. Und das nicht zu knapp.

    Aber die Gemengelage aus GT3 und deren Vermarktung lässt die eigenartige Situation entstehen, dass es auf einmal einen Markt gibt, für den es sich lohnt, Produkte und Dienstleistungen anzubieten.

    Auf die GT3 Problematik an sich bin ich ja schon vor 4 Wochen detailiert eingegangen.

    Die vergangenen Jahre haben den Ring, seinen Mythos und die Region in einem mächtigen Strudel immer weiter in die Tiefe gezogen. Ihr wisst was ich meine, das beck°werk wird den kommenden Generationen als mahnender Koloss für durchgeknallte Politiker erhalten bleiben.

    Parallel dazu hat aber auch in der Sportlerszene ein Wandel stattgefunden: früher sind die Rennfahrer angetreten, weil sie die Herausfoderung liebten - heute geht es immer mehr um den pünktlichen Gehaltsscheck.

    Dazu kommt, dass die Fahrzeuge größtenteils nur noch aus Kaufautos bestehen, denn die überwiegende Anzahl des Starterfeldes setzt sich aus GT3 und Cup Fahrzeugen zusammen. Die nicht verändert werden dürfen.

    Und jetzt kommt das Wort, auf das alle schon warten: Tempolimit. Mein Problem an der ganzen Sache ist, dass die Fahrer, die so große Stücke auf sich halten, diese Demütigung einfach über sich ergehen lassen.

    Protest dagegen kann man an einer Hand abzählen - alle fügen sich unkritisch dem Schicksal, weil das so von ihren Geldgebern erwartet wird.

    Werksfahrer verkommen zu beliebig austauschbaren Arbeitnehmern, die sich kritikfrei durch die Mikrofone aalen.

    Das erinnert mich an die Gleichgültigkeit, mit der die Entscheidungen zur Erlebnisregion und deren Bau kommentiert wurde: keine Kritik - kein Widerstand, stumpfsinniges Hinnehmen hirnrissiger Entscheidungen - die Erwartungen des Arbeitgebers stehen an erster Stelle und dann kommt erstmal lange nichts. Vor allem keine eigene Meinung.

    Dem Langstreckensport wird die Seele genommen und alle finden es super. Was für eine Enttäuschung.

    Stellt Euch mal vor, in einem anderen Sport gäbe es diese Situation: alle 5 Minuten eine kurze Pause. Im Radsport z.B. die Beine hängen lassen - das gesamte Feld neutralisiert. Die würden doch - zu Recht - ziemlich ausgelacht werden.

    Früher wurden im N-Forum die ehrlichen Rennberichte aus erster Hand geteilt - heute gibt es kaum noch ein Team ohne ‘Pressesprecher’ - egal wie klein das Team ist. Dort werden weichgespülte Presseberichte produziert - einer erfolgreicher als der andere mit gefühlt Dutzenden von Gesamtsiegern pro Rennen.

    Und macht Euch bitte nichts vor: auch die Zuschauer sind längst nicht mehr das, was sie früher einmal waren. Aus der VLN-Familie, die durch dick und dünn geht ist nur noch eine Kulisse geworden, mit deren Hilfe man in den Vorständen die neuen Programme durchdrücken kann.

    Die Klimmzüge, mit denen beim 24h-Rennen irgendwie 200.000 Zuschauer zusammengerechnet werden, sind längst allen bekannt und trotzdem werden sie von den Marketingabteilungen wieder rausposaunt werden, weil große Zahlen immer toll klingen. Dass bei dem Rennen tatsächlich nicht mehr Zuschauer vor Ort sind, als bei jedem x-beliebigen Bundesligaspiel, wird von niemandem hinterfragt.

    Für mich jedenfalls ist mit dem Tempolimit das Fass übergelaufen, das in den letzten Jahren stetig gefüllt wurde. Wenn man gefühlt etwas schon immer gemacht hat, heißt das nicht, dass es nicht auch einmal auf den Prüfstein gestellt wird.

    Der Bogen wurde - quasi mit Ansage - überspannt. Die sogenannten Sicherheitsmaßnahmen, die in erster Linie das Ziel haben, das Rennen auf Biegen und Brechen durchführen zu können, haben meiner Meinung nach das Unfallrisiko sogar noch weiter erhöht.

    Der typische GT3 Nordschleifenunfall - das Disaster waiting to happen - ist meiner Meinung nach ein anderer, als der, den wir so tragisch erlebt haben.

    Aufgrund der künstlich zusammengestauchten Leistungsdichte werden höhere Risiken in Kauf genommen, um einen kleinen Vorteil zu erkämpfen. Jetzt wird die Döttinger Höhe vom Renngeschehen ausgeklammert, d.h. dort kann man nicht mehr überholen - man kann aber - und das ist das Entscheidende - auch nicht mehr überholt werden.

    Vor dem Tempolimit musste man die Aerodynamik so einstellen, dass man auf der langen Geraden nicht zur leichten Beute wird. Das fällt jetzt weg und die GT3 haben große Einstellmöglichkeiten für ihre mächtigen Flügelwerke. Resultat: noch höhere Kurvengeschwindigkeiten, anspruchsvolleres Fahrverhalten und höhere Belastungen für die Reifen. Gepaart mit der hohen Verkehrsdichte, den Herausforderungen bei Nacht und Wetter und teilweise Gentlemanfahrern hinter dem Lenkrad, eine tickende Zeitbombe.

    Ich halte es einfach nur für Glück, falls nichts passieren sollte und möchte nicht erleben, dass meine Befürchtung wahr wird. Deren Ursache nur im Geldverdienen Einzelner begründet ist, die ihr Geschäftsmodell nicht aufgeben wollen, bevor zu Ende gemolken ist.

    Wenn der Jahreshöhepunkt quasi zum Tiefpunkt wird, dann läuft etwas gewaltig verkehrt. Das ist nicht mehr meine Welt. Da erhalte ich mir lieber die Erinnerung wach an Zeiten, als der Ring und seine Aktiven mich wie ein Monstermagnet in seinen Bann gezogen hat. Widerwillig zum Ring zu fahren, einfach nur weil es immer schon so war, macht nüchtern betrachtet keinen Sinn.

    Und damit geht für mich eine Ära zu Ende, die mein Leben bestimmt hat, wie nichts anderes auf der Welt.

    Natürlich bin ich nicht glücklich über diese Situation - aber auf der anderen Seite bin ich froh das erkannt zu haben und ohne irgendwelche Abhängigkeiten die Schlüsse ziehe, die ich für richtig halte.

    Tags: N24h | Tempolimit | Mikebericht |


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