Viele Fragen, viele Antworten: der Floersch-Formel-4-Vorfall kommentiert von ADAC und DMSB.

Mittwoch, 12. Juli 2017

Viele Fragen, viele Antworten: der Floersch-Formel-4-Vorfall kommentiert von ADAC und DMSB.

Das hat man selten erlebt, dass ein Formel 4 Rennen international soviel Aufmerksamkeit bekommt - zumal Mick Schumacher gar nicht mehr in der Serie mitfährt. Sophia Flörsch wurde von einem Sicherheitsfahrzeug fast von der Strecke gerammt, sie hat es per Onboardvideo über Social Media geteilt und international Fürsprache bekommen. Auch ich war geschockt, habe es aufgegriffen und bissig kommentiert. Allerdings sind für mich viele Fragen offen geblieben und ich habe - was bei mir eher selten vorkommt - einen Schwung Fragen formuliert und ADAC bzw. DMSB um Antwort gebeten.

Heute kamen zwei ausführliche Emails mit den aufgeteilten Antworten von ADAC (Oliver Runschke) und DMSB (Michael Kramp), die ich Euch natürlich nicht vorenthalten möchte:

1.) Welcher Vorfall hat die roten Flaggen erfordert?

ADAC: Ein Dreher von Tom Beckhäuser im zweiten freien Training in das Kiesbett in Kurve 10. Auf dem im Internet kursierenden Clip ist das im Kiesbett entgegen der Fahrtrichtung stehende Fahrzeug von Beckhäuser auf der Höhe des Bergungsfahrzeuges zu sehen.

2.) Wie waren die genauen zeitlichen Abstände dieses Vorfalls, das rote Flaggensignal und das Beinahe-Zusammentreffen von Bergungswagen und Sophia Floersch?

ADAC: Die Session wurde um 13.42 Uhr mit der roten Flagge unterbrochen. Zu dem Zeitpunkt als Sophia Flörsch Kurve 10 passierte, wurde seit rund 30 Sekunden rot gezeigt. Auf dem Video-Clip ist zu erkennen, dass Sophia Flörsch zwei Posten mit roten Flaggen passiert sowie eine Signalbrücke mit roten Lampen. Das Onboardvideo der Incident-Cam zeigt, dass Sophia Flörsch bei der Anfahrt zur Schikane Vollgas gibt, die Schikane mit Tempo 151 km/h durchfährt und im Scheitelpunkt Kurve in der Anfahrt auf die Gegengerade wieder beschleunigt.

3.) Welche offizielle Kommunikation kann man zu diesem Vorfall finden und wann wurde diese veröffentlicht? (Die Homepage schweigt sich jedenfalls aus: https://www.adac-motorsport.de/adac-formel–4/de/news-all/)

ADAC: Sämtliche Entscheidungen der Sportkommissare bei der ADAC Formel 4 werden im Media Center vor Ort ausgelegt. Gesammelt werden die Entscheidungen am Montag nach der Veranstaltung online veröffentlicht. Zu finden sind die Entscheidungen im frei zugänglichen ADA-Motorsport-Presseportal unter der Rubrik Ergebnisse. Entscheidungen, die direkte Auswirkungen auf den sportlichen Ablauf der Veranstaltung haben, werden entsprechend in Newstexten und Pressemeldungen erwähnt.

4.) Wie ist die Verantwortung bezüglich der Strafe aufgeteilt - welche Rollen spielen Veranstalter, ADAC und DMSB? Welche Person(en) verantworten die Strafe gegenüber Sophia Floersch?

DMSB: Der DMSB stellt bei der Formel 4 die Mitarbeiter der Race Control (Renndirektor etc.), die Technischen und die Sportkommissare. Die Besatzungen der S-Wagen sind Mitglieder der DMSB-Staffel. Die Strafen wurden von einem Dreiergremium der Sportkommissare verhängt. Vorsitzender ist Achim Loth, der seit mehreren Jahren permanent bei allen Formel–4-Veranstaltungen als Sportkommissar tätig ist.

5.) Gibt es bei der F4 Serie so etwas wie Race Stewards bei der Formel 1, die sich aus Fahrerkreisen rekrutieren, über solche Vorfälle beraten und zu einem Ergebnis kommen?

DMSB: Nein, Race Consultants gibt es in Deutschland derzeit nur in der DTM.

6.) Wie ist die weitere Vorgehensweise zu diesem Vorfall?

DMSB: Wie vom Reglement vorgesehen, ist der Fall von den Sportkommissaren vor Ort bestraft und darüber hinaus an das Sportgericht des DMSB weitergeleitet worden. Die Unterlagen sind inzwischen in der DMSB-Geschäftsstelle eingegangen und das Verfahren wird in Kürze eröffnet. Da verschiedene Fristen bei der Ladung der Beteiligten zu beachten sind, dauert es erfahrungsgemäß einige Wochen bis zur Verhandlung.

7.) Wird es von der F4 Organisation eine in Englisch verfasste Kommunikation geben, um die Bedenken der internationalen Motorsport-Community zu adressieren?

(Mike: hier gab es eine Rückfrage - also noch offen)

8.) Welche Maßnahmen wurden ergriffen, um eine ähnlich brenzlige Situation in Zukunft zu verhindern? Nur auf diese F4 Serie bezogen oder serienübergreifend?

DMSB: Das Thema der roten Flaggen wird sicher in der Fahrerbesprechung der Formel 4 bei der nächsten Veranstaltung vom Renndirektor erneut zur Sprache gebracht. In Art. 10.3 b des Rundstreckenreglements heißt es u. a.
„Wenn das Zeichen zur Unterbrechung (rote Flagge) gegeben wird:
1) Während eines Trainings / einer Qualifikation / eines Warm-up: Alle Fahrzeuge müssen sofort ihre Geschwindigkeit verringern und langsam zu den Boxen zurückfahren;
3) Überholen ist verboten und die Fahrer sollten beachten, dass sich Renn- und Servicefahrzeuge auf der Strecke befinden können, dass die Strecke aufgrund eines Unfalls vollständig blockiert sein kann und die Strecke aufgrund der Witterungsbedingungen im Renntempo nicht mehr befahrbar ist.”
Erinnert sei in diesem Zusammenhang übrigens an den Unfall in Spielberg (Rennen 1, Kurve 3), wo die Strecke tatsächlich durch mehrere verunfallte Fahrzeuge blockiert war. Gerade weil ein Fahrer nicht wissen kann, welche Hindernisse sich hinter der nächsten Kurve auf der Strecke befinden, muss er bei roter Flagge „auf Sicht fahren“ und das Tempo entsprechend anpassen.

9.) Warum wird den jungen Serienteilnehmern nicht erlaubt, mit eigenem Videomaterial ihre Social Media Kanäle zu füttern, wo doch aktuell selbst die Formel 1 die Zeichen der Zeit erkannt hat?

ADAC: Grundsätzlich begrüßen wir wenn die Teilnehmer der ADAC Formel 4 aktiv Social-Media-Kommunikation betreiben. Deshalb gibt es auch spezielle Bewegtbildrichtlinien, die die Bedürfnisse von Social-Media-Kommunikation abdecken. Das im Umlauf gebrachte Material war allerdings kein Material aus einer klassischen Onboardkamera sondern Material aus der vom Reglement vorgeschriebenen „Incident Cam“. Diese Aufnahmen stehen dem DMSB zur Analyse von Zwischenfällen zur Verfügung sowie den Teams zur Unterstützung ihrer internen Analysen. Sie enthalten Daten wie Geschwindigkeit, Motordrehzahl, Gaspedalstellung etc.. Die Veröffentlichung dieses Materials ist den Teilnehmern laut ADAC Formel 4 Reglement (Artikel 27.10.) untersagt. Zuwiderhandlungen sehen entsprechende Strafen vor.

Soweit die Antworten - natürlich liegt mir wie immer viel daran, dass sich jeder seine eigene Meinung bildet - ergänzend biete ich hier auch meinen Kommentar dazu an:

Generell finde ich die Aufteilung ADAC / DMSB interessant - so ein konkreter Fall hilft es anschaulich zu erklären. An der Stelle auch herzlichen Dank an die beiden Herren für die ausführlichen und nüchternen Antworten und die detailreichen Hintergründe.

Zum Vorfall selber: Sophia hat die Diskussion heftig aufgeheizt, indem sie das Video ohne Erklärung der Umstände in Umlauf gebracht hat. Freies Training und Abbruch mit roter Flagge - das hätte geholfen, um die Situation zu verstehen. Ich werde auch den Eindruck nicht los, dass sie absichtlich Stimmung machen wollte - die Darstellung der Dinge ist schon sehr einseitig und oberflächlich betrachtet sieht es so aus, als wäre im Rennen ohne Vorwarnung ein Fahrzeug der Streckensicherung auf die Rennstrecke gefahren.

Natürlich muss sich auch die Streckensicherung Gedanken machen, wie das passieren konnte - auch bei rot muss man damit rechnen, dass noch eine Hitzköpfin angeflogen kommt.

Bei der Strafe für das Video hat Sophia die Umstände nicht erklärt, siehe Punkt 9.) oben. Erstmal wurden öffentlich die 20.000 € diskutiert, in Wirklichkeit sind es dann nur 5.000 € geworden. Ich bin jedenfalls davon ausgegangen, dass es sich um teaminterne Aufnahmen handelte - ich wusste bis heute gar nicht, was eine Incident Cam ist. Wieder was gelernt.

Und wie kommt die ganze Geschichte in die Bildzeitung, bzw. auf bild.de? Die generell und nach Mick Schumacher die Formel 4 ja nicht unbedingt auf dem Schirm haben? Sophia wird pressetechnisch von Georg Nolte betreut, der auch Nico Rosberg zu seinen Klienten zählt. Die Beziehungen wären also theoretisch da, um so eine Story sogar bei Bild zu platzieren.

Ich bin mal gespannt, wie Sophia - oder soll ich sagen Georg Nolte? - weiter mit der Sache umgeht. Spätestens zur Gerichtsverhandlung wird das Thema wieder aufleben. Auch die Reaktionen von Leena Gade, Marco Bonanomi, Peter Dumbreck, Damon Hill, David Heinermeier-Hansson, Filipe Albuquerque, …. würden mich interessieren - ob ihnen die Hintergründe bei ihren Kommentaren so klar waren?

Eure Kommentare sind auch willkommen - im Forum oder auf Twitter bzw. Facebook.

UPDATE:

ENGLISH SUMMARY

The original story with the video of the incident went viral internationally and has been discussed a lot. Here is a summary of what the organisers have to say - I asked them a couple of questions and they came back with detailed answers. They are pasted above in original form in German and are condensed by myself to the key facts here in English.

The incident happened in the second free practice session when a car got stranded in the gravel of corner 10 - right after the chicane - see track layout here. The stranded car can be seen in the video opposite the intervention car - facing into the wrong direction.

Due to the stranded car the session got stopped with red flags at 13:42 and when Sophia passed corner 10 the track was already red flagged for about 30 seconds. In the video it can be seen that she passes 2 posts with red flags and 1 red signal light.

The video was not an ordinary onboard video, as it was not recorded by the team’s own equipment, but contained in the so-called “incident cam”, which is required by regulations for every participant. These recordings shall allow the organisers to analyse incidents and are not allowed to publish, which is also part of the regulations (Artikel 27.10) as is the minimum penalty of 20.000 € in case of infringement. See the original Formula 4 regulations in English here for reference.

Flagging signals are part of “Rundstreckenreglement”, which states that one has to slow down immediately and slowly drive back to the pits.

In the short video Sophia posted it can be seen that she is on full throttle twice: approaching the chicane and after the chicane.

Concluding the summary of the details above, let me also add my personal view: the story made big highlights internationally, but also here locally in all motorsport publications. Surprisingly also in Bild Zeitung, which is German yellow press. Given that Sophia’s press officer is the same Georg Nolte who also looks after Nico Rosberg, the connections for placing such a story are theoretically given. Normally Bild Zeitung couldn’t care less about Formula 4 now that Mick Schumacher has moved on and left the series.

I’m not biased in any way, but I also picked up the story and I didn’t spare with criticism against the organisers. However now, after knowing more background, I feel sort of betrayed, as key facts have been suppressed. The way it went and also how it was handled afterwards with no or little intention to clarify the underlying details, I’m under the impression this was a welcomed little sensation to raise Sophia’s publicity.

Clearly the intervention car should operate much more sensible even under red flags - no question about that. But red flags should be strictly respected by drivers for their own safety, but also that of others.

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