Jubelartikel zum Nürburgring - ist es wieder soweit?

Sonntag, 03. März 2019

Jubelartikel zum Nürburgring - ist es wieder soweit?

So langsam glaubt man wohl in Ringrufweite, dass es an der Zeit ist den Namen Nürburgring wieder gesellschaftsfähig zu machen. Das hat sich in der Vergangenheit schon bewährt einen “Alles wieder gut” Artikel in die Welt zu setzen - bzw. in die Frankfurter Allgemeine.

Der Autor aktuell ist Benjamin Fischer und wie man liest hat er eine Mainzer Vergangenheit.

Aber darüber bin ich erst später gestolpert, nachdem es mir beim Lesen des Artikels immer schwieriger gefallen ist mit meine anfängliche Unvoreingenommenheit aufrechtzuerhalten.

Im besten Relotius Storytelling wird versucht anhand von Belegen und eingestreuten Zeitzeugen ein Bild zu formen, dass der Ring zwar eine Durststrecke zu überwinden hatte, dies aber der Vergangenheit angehört und heute alles bestens ist.

Das Ganze noch schön aufgehübscht mit historischen und aktuellen Ringbildern - und ganz subtil wird uns dann noch so im Vorbeigehen hier und da eine Geschichtsumschreibung untergejubelt.

Ich pick mal ein paar Zitate raus:

Doch die teure Formel 1 und ein überdimensionierter Vergnügungspark stürzten den Nürburgring in die Insolvenz.

Das geht schon gleich am Anfang los: die böse Formel 1 und der böse Freizeitpark. Walter Kafitz wird mit keiner Silbe in dem Artikel erwähnt und sein Mißmanagement gepaart mit Größenwahnsinn natürlich auch nicht. Ebensowenig, dass ihn auch nur die Bewährungsauflage vor dem Gefängnis bewahrt hat.

Nach dem Verlust des Publikumsmagneten Formel 1 brachen in der Region die Einnahmen weg, denn auch anderen Renn-Serien wurde die Nordschleife allmählich zu heikel. Erst die neue, sogenannte „Grand Prix“-Strecke sorgte für Entspannung. 1984 kehrte die Formel 1 zurück an den Ring und mit ihr die Zuschauermassen. Der moderne Kurs lässt sich mit der legendären Nordschleife verbinden. Auf ihr fahren seitdem aber nur noch langsamere Serien.

Natürlich kein Wort von Otto Flimm oder Ja zum Nürburgring, die damals erst den Bau der GP Strecke in politisch schwerem Umfeld durchgeboxt haben. Traurig wie solche historischen Kraftakte weggeglättet werden.

Die aktuellen GT3 langsam zu nennen bestätigt natürlich die Nicht-Kompetenz des Autors - aber die Selbstverständlichkeit, mit der solche Fakten in einem Medium rausgehauen werden, dem die Leute normalerweise glauben, zeugt schon von großer Dreistigkeit.

Über die Jahre stieg das Antrittsgeld für die Königsklasse des Motorsports stetig an und brachte die staatseigene Nürburgring GmbH finanziell immer stärker in Bedrängnis. Allein in den Jahren 2004 und 2005 fiel jeweils ein Verlust von mehr als neun Millionen Euro an – hauptsächlich verursacht durch die etwa 16 Millionen Euro Gebühr für die Formel 1.

Da ist sie ja wieder die böse Formel 1. Dass dieser Vertrag von jemandem unterschrieben worden war - vorher! - ist wohl nebensächlich. Und dass die Kafitz’schen Abenteuer große Löcher in die Kasse rissen - auch ohne Formel 1 - brauche ich hier wohl niemandem erklären. Wisst Ihr noch, Bike World zum Beispiel?

Aber es ist ja viel praktischer, wenn die Probleme nicht hausgemacht sind, sondern einfach so vom Himmel fallen - wie zum Beispiel die lächerlichen Schecks von Kurt Beck’s “ganz großem Geldadel”:

Was folgte, war ein Trauerspiel. Zwei Schecks eines dubiosen Geldgebers platzten, der rheinland-pfälzische Finanzminister Ingolf Deubel musste zurücktreten und statt der avisierten Kosten von 150 Millionen Euro flossen fast 500 Millionen Euro von den Steuerzahlern.

Das Trauerspiel startete natürlich viel früher - da rollte noch kein einziger Bagger. Denn der damalige Aufsichtsrat: Deubel - Pföhler - Härtel - Kühl, hat den Bau der Erlebnisregion abgenickt - entgegen aller Kritik von … ja eigentlich von ALLEN. Niemanden habe ich getroffen, der das in Ordnung fand.

Mike Frison / renn.tv

Und bereits ein halbes Jahr später - im Mai 2008 - wurde Mediinvest mit einer stillen Beteiligung aus der Staatskasse beglückt, die so still war, dass die Regierung diese Geldflüsse erst Jahre später zugegeben hat. Über 85 Mio. Euro wurden so transferiert, um der Bevölkerung eine Privatbeteiligung vorzutäuschen.

Mike Frison / renn.tv

Trotzdem wurde gebaut, eröffnet und gejubelt - gegen Kritik wurden PR Agenturen und sogar die Staatsanwaltschaft in Stellung gebracht. Denn in Rheinland-Pfalz gibt es starken Schulterschluss, wenn es darum geht dubiose Geldflüsse zu vertuschen.

Mike Frison / renn.tv

Heute, nach Untersuchungsausschuss, Mega-Prozess und Landesrechnungshof sind wir schlauer - die FAZ natürlich ausgenommen. Dass ein deutscher Finanzminister zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wird, ist zwar in Deutschland bisher noch nie passiert, aber der FAZ keine Silbe wert.

Und dass Kurt Beck sich nur wenige Tage nach Deubels Rücktritt vor die Kameras stellt und erklärt, dass dem Land kein Schaden entstanden ist, braucht man ja auch nicht nochmal aufzuwärmen. Das ist doch jetzt schon 10 Jahre her, also Schwamm drüber.

Kurt Beck (in ARD)

Endgültig den Schweinen zum Fressen vorgeworfen wurde der Ring, als Richter / Lindner im Handstreich zu den neuen Pächtern erklärt wurden. Von deren Auftreten hat sich die Anlage bis heute nicht erholt, obwohl sie nichtmal 2 Jahre in dieser Funktion wirkten. Und dass Rainer Mertel im Anschluss an seine Aussage im Untersuchungsausschuss eine tödliche Herzattacke erlitten hat, interessiert offensichtlich auch niemanden mehr.

Mike Frison / renn.tv

Als Kurt Beck im Juli 2012 die Insolvenz verkündete, war damals die böse EU Schuld. Er selber hat natürlich seine Hände in Unschuld gewaschen. Was folgte war ein Tal der Tränen in Eigenverwaltung - inklusive abenteuerlichen Abläufen während der Ausschreibung und Zuschlagserteilung. Dass dadurch nach wie vor 2 unabhängige Prozesse beim Europäischen Gericht anhängig sind, darüber will die FAZ - bzw. Benjamin Fischer - auch lieber nicht reden.

Dann könnte er ja nicht mehr die Mär der heilen Welt verbreiten.

Dann lieber die aktuelle Geschäftsführung in Watte baden:

Auch Mirco Markfort will über die Vergangenheit am liebsten gar nicht mehr reden. Er ist seit März 2016 Geschäftsführer der Nürburgring-Betriebsgesellschaft. Von 2009 bis 2015 hat er das Drama als Mitarbeiter im Veranstaltungsmanagement miterlebt. Das meiste erfuhr er jedoch aus der Presse.

Hach der Arme - es konnte ja wirklich niemand ahnen!

Bei den Zuschauern wird es richtig abenteuerlich:

Knapp 80.000 Zuschauer zog die Deutsche Tourenwagen-Masters (DTM) im vergangenen Jahr an.

Schon klar, dass die DTM auf der Kurzanbindung fährt? Und dass die Hälfte der Tribünen sowieso geschlossen ist?

117.500 wollten den Truck Grand Prix sehen.

Dabei lässt der ADAC Mittelrhein aufgrund der Thematik inzwischen offiziell die Hosen runter. Aber das liest sich natürlich nicht so gut, da haben Zeitungen anscheinend ein Problem mit.

Das alljährliche Highlight aber ist das 24-Stunden-Rennen auf der Kombination aus altehrwürdiger Nordschleife und Grand Prix-Strecke. 210.000 Menschen pilgerten dafür in die Eifel.

Ja nee iss klar.

Mike Frison / renn.tv

Das muss dieses Wochenende sein, das beim ADAC so etwa Montags anfängt.

“Water under the Bridge” nennt es der Engländer, wenn Vergangenem hinterhergetrauert wird. Und eigentlich ist mir meine Zeit dafür auch zu schade. Aber wenn einem solche Artikel prominent aufgetischt werden, dann wird man regelrecht gezwungen den Rotstift zu zücken.

Oder andersrum gefragt: müssen Werbeartikel heutzutage nicht mehr als solche gekennzeichnet werden?

Erlebnisgrab | Insolvenz | Zuschauerzahlen | KurtBeck | BFCHR |

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