Virale Beobachtungen.

Montag, 23. März 2020

Virale Beobachtungen.

Normalerweise mag ich solche speziellen Situationen, wenn Leute sich auf neue Anforderungen einstellen müssen. Wie gehen sie damit um? Welche kreativen Ansätze kristallisieren sich heraus? Kann man dem alten Zirkushund überhaupt noch neue Tricks beibringen? Das spült so schön die Charaktere frei, da kann man sich nicht mehr hinter einer Maskerade verstecken.

Heute ist schon unser 26. Tag zuhause - also direkt nach Karneval damit angefangen. Das war am 27. Februar und Deutschland hatte offiziell 26 Infizierte gemeldet. Mit einer Steigerungsrate zum Vortag von 24% - also grob einer Verdopplungszeit von 4 Tagen.

Vor dem Hintergrund unfassbar, dass die Fußballstadien 2 Tage später immer noch prall gefüllt waren.

Leider haben sich - mal wieder - meine schlimmsten Befürchtungen bewahrheitet, die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache: wenn 40k täglich Neu-Infizierte unser Gesundheitssystem knacken, dann ist es selbst bei nur 12% täglichem Zuwachs Mitte April soweit.

Mike Frison / renn.tv

Die Wachstumsrate war übrigens - bis auf Sonntag - immer schön stabil über 12%.

Das ist aber nicht der Grund, warum ich das hier schreibe. Die Zahlen sind inzwischen so zuverlässig vorhersagbar - und groß - das kann man auf einem Blatt Papier nachrechnen (12% tägliches Wachstum = ca. 8 Tage Verdopplung, 25% 4 Tage, 33% 3 Tage usw.).

Als offizieller N-Fektionsbeauftragter muss ich natürlich meinen Pflichten nachkommen und bin eben zum Briefkasten geradelt, um die Briefe einzuwerfen. Da musste ich aber etwas warten, weil gerade ein Auto hielt, eine Jugendliche von der Beifahrerseite ausstieg und auch einen Brief eingeworfen hat. Mal unabhängig davon, dass heute kaum noch jemand in der Lage ist, ohne Auto irgendetwas zu erledigen und dann natürlich auch immer auf dem Bürgersteig das Auto abstellen: steigt aus, 2 Schritte zum Briefkasten, klappt den Deckel hoch, wirft den Brief ein, zurück ins Auto und Weiterfahrt.

Ich bin da inzwischen so sensibilisiert, dass ich erschrocken war, mit welcher Selbstverständlichkeit sie den Briefkastendeckel angefasst hat. Diese Griffe sind doch schon durch viele Hände gegangen, eine glatte Oberfläche - ungefähr so zuverlässig kontaminiert wie ein Supermarkt-Einkaufswagen.

Beobachtet mal, wie leichtsinnig die Leute immer noch alles anfassen. Der Virus hat nicht umsonst so eine rasante Ausbreitungsgeschwindigkeit: er ist hoch ansteckend.

Mike Frison / renn.tv

Und um die Beobachtungen in einen Gesamtkontext zu stellen: ich habe Zweifel, dass mit so einem lässigen Umgang der Bevölkerung und auch unserer Regierung eine spürbare Eindämmung möglich ist.

Mike Frison / renn.tv

Das Biest ist mega-aggressiv, aber kann schön im Verborgenen und mit 2 Wochen Vorsprung agieren - ein bestens getarnter Feind. Und wir sind solche maximalen Hygienemaßnahmen auch nicht gewohnt - das Szenario trifft uns unvorbereitet.

China ging und geht da viel konsequenter vor - und das ist wahrscheinlich auch die einzige Möglichkeit Kontrolle zu erlangen.

Aber wenn man das hilflose Gehampel hierzulande mal zu Ende denkt, dann würde es mich nicht wundern, wenn China - wieder vollständig genesen und schlagkräftig - in der westlichen Welt auf Einkaufstour geht. Die Aktien sind jetzt schon brutal abgestürzt, aber da ist ja noch Luft nach unten. Das wären wir dann aber auch selber schuld, das fängt am Briefkasten an und hört beim Robert Koch Institut auf: überheblich, borniert und die Realität ausblendend.

Passt auf Euch auf.

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