Corona Science.

Sonntag, 29. März 2020

Corona Science.

Das Schöne an der aktuell unschönen Situation: Coronavirus ist so präsent in einem weltweiten Kontext, dass man einen guten Überblick bekommt, wie Leute versuchen die Problematik zu verstehen - und noch besser: wie Leute versuchen, das Verstandene wiederum anderen zu vermitteln.

Wie zum Beispiel hier:

youtu.be/54XLXg4fYsc

Am Anfang ging es darum überhaupt begreiflich zu machen, was exponentielles Wachstum bedeutet. Jetzt heißt es zu verstehen, wie und wann dieses Wachstum gestoppt wird.

Die Idee, die hier zur Veranschaulichung angeboten wird: auf der X-Achse wird nicht die Zeit aufgetragen, sondern die Anzahl der Gesamtinfizierten, während Y die Neu-Infektionen aufzeigt.

Eine Webseite zum Anzeigen mit ausgewählten Ländern gibt es auch:

aatishb.com/covidtrends/

Wieder einmal verblüffend, wie identisch der Ausbruch in den einzelnen Ländern abläuft.

Im krassen Gegensatz dazu: die Nachrichten - und nicht nur die deutschen - berichten in schöner Regelmäßigkeit - und leider auch Naivität - nur von den absoluten Zahlen. Diese sind allerdings ohne Vergleich völlig wertlos - einzig und allein ist - wie gesagt - die Zuwachsrate entscheidend.

Ich finde die Darstellung in dem Video für sehr gelungen, denn man bekommt anschaulich demonstriert, dass Zeit an sich keine Rolle spielt. Die Verläufe in den Ländern sind so sehr Copy & Paste, dass sich die Frage nach dem aktuellen Datum überhaupt nicht stellt. Wenn einmal die exponentielle Rakete abgeschossen ist, bleibt nur die bange Frage, wann sie ihren Steilflug beendet.

Ich habe diesen Aspekt in ähnlicher Weise aufgegriffen, indem ich die tagesaktuelle Vorausberechnung miteinander verglichen habe. Auch hier ist die Wachstumsrate die entscheidende Größe - und zwar die zum Vortag, weil das in diesem dynamischen Umfeld die aktuellste Bezugsgröße darstellt.

Aktuell stellt sich diese Betrachtung so dar:

Corona Science.

Das ist die mathematische Vorhersage für 1 Mio. positiv Getestete in D und man sieht einen schüchternen Ansatz, wie sich das Erreichen dieser Zahl Richtung Mai verschiebt. Da schwingt natürlich die Hoffnung mit, dass sich das noch weiter verschiebt oder noch besser: dass es überhaupt nicht soweit kommt. Die Verdopplungsrate in D liegt aktuell bei 10 Tagen.

Das wären die Zahlen, die ich gerne von Regierung und Medien vorgerechnet bekommen würde. Warum passiert das nicht? Hält man uns für unmündig? Oder hat man es selber nicht im Blick? Beides keine gute Ausrede.

Man merkt in diesen angespannten Zeiten gut, wie sich die Spreu vom Weizen trennt. Medien wie Regierung stehen ziemlich mit dem Rücken an der Wand - hilflos wie ein Fähnchen im Wind. Die staatsmännisch und theatralisch vorgetragenen Pressekonferenzen sind nichts weiter als das: Theater. Und statt man die zugrundeliegenden Daten transparent mit der Community teilt und sich darauf konzentriert, die Qualität und Anzahl der Daten zu verbessern, macht man ein großes Geheimnis daraus und ändert gefühlt täglich die Zählweise.

Dass in unserem föderalen System dazu noch die Kommunen sich selber überlassen werden, trägt auch nicht zur Verbesserung bei. Der Bürgermeister hier in Wesseling empfiehlt als Handlungsanweisung für die Bevölkerung, den wöchentlich verteilten Werbekurier zu lesen. Kein Witz. Ich schätze mal, das ist kein Einzelfall - das ist einfach das Ergebnis dessen, wie wir uns als Gesellschaft entwickelt haben. Mehr Schein als Sein und den echten Problemen hat die Fassade nichts entgegenzusetzen.

Es gibt auch nicht wenige Stimmen, die vehement darauf bestehen, doch das Darstellen und Deuten gefälligst den Experten zu überlassen. Als wäre man weder fähig noch befugt den eigenen Verstand einzuschalten.

Ich glaube sogar, dass viele Experten zu sehr in ihrer eigenen Domain gefangen sind, in der sie sich zwar super auskennen, aufgrund dieser Konzentration an Wissen aber an der Übertragung in die Realität scheitern. Sozusagen als Opfer ihres eigenen Erfolges.

Wir haben es mit einer Situation zu tun, die es so noch nicht gab und was ich so sehe und lese glänzen aktuell diejenigen Leute, die Freude daran haben sich mit neuen Problemen auseinanderzusetzen und gerne neues Wissen in den Kontext des bisher angesammelten Wissen zu setzen. Eine spannende intellektuelle Herausforderung, die offensichtlich nicht jeder als angenehm empfindet. Das alleine sollte aber noch lange kein Grund sein, ihren Ergebnissen salopp die Legitimierung abzusprechen. Ganz besonders bei einem Problem, bei dem wir alle sowohl betroffen als auch gefordert sind.

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