Diess gedisst.

Dienstag, 09. Juni 2020

Diess gedisst.

Die Überschrift kann man sich aufgrund der Ereignisse nicht nehmen lassen - bei VW scheinen die Nerven ordentlich blank zu liegen

Was war passiert?

Letzte Woche hat Herbert Diess in einem riesigen Management-Meeting den VW Aufsichtsrat kritisiert, man habe Interna nach draußen geleitet.

Also entweder

a) hat Diess gemeint, den Aufsichtsrat in seine Grenzen weisen zu können, oder
b) hat er diesen Eklat absichtlich provoziert, um zu wissen, wo genau er selber im Machtgefüge steht.

Nun, a) ist relativ unwahrscheinlich - das hat nichtmal Ferdinand Piëch geschafft.

Und die Antwort für b) hat er jetzt schneller, als im lieb ist - man hat ihn kaltblütig degradiert.

Im VW-Speak hört sich das so an:

Der Volkswagen Konzern ordnet die Zuständigkeiten bei der Führung von Marke und Konzern neu. Die Kernmarke Volkswagen Pkw wird ab dem 1. Juli 2020 vom bisherigen COO der Marke, Ralf Brandstätter, geführt. Der Vorstandsvorsitzende des Volkswagen Konzerns, Dr. Herbert Diess, der bisher beide Funktionen in Personalunion verantwortet hatte, erhält damit mehr Freiraum für seine Aufgaben als Konzernchef. Im Konzernvorstand behält er die Gesamtverantwortung für den Bereich Volkswagen Pkw sowie die Markengruppe Volumen. Ziel ist eine stärkere Fokussierung auf die jeweiligen Aufgaben an der Spitze von Konzern und Marke in der laufenden Transformationsphase der Automobilindustrie.

Insgesamt eine sehr dramatische Situation bei VW, denn der große Umbruch ist in seinen zarten Anfängen und könnte schnell wieder in sich zusammenfallen. Fällt ja nicht tief. Da kommen solche hektischen Rochaden äußerst ungelegen - zumal sie meistens auch ordentlich Geld kosten für Beförderungen bzw. Abfindungen. Und sie reißen natürlich Lücken, die erst einmal wieder geschlossen werden müssen.

Mike Frison / renn.tv

Also das Gegenteil von Besonnenheit und Stabilität, auf die man als Basis für gravierende Veränderungen und Transformationen zurückgreifen möchte. Bis sich die aufgewühlte See wieder beruhigt hat, ist das nächste halbe Jahr vergangen - ein halbes Jahr, das man nicht hat.

Wenn das stimmt, dass VW nur 10% der Fahrzeugsoftware selber verantwortet, dann steht noch ein langer und steiniger Weg bevor - wir reden hier nicht über irgendwelche Anbauteile, sondern das zentrale Nervensystem, das in der Zukunft eine immer dominierendere Rolle einnehmen wird: Elektrifizierung, Vernetzung, User Interface, autonomes Fahren - der Computer auf Rädern ist absolut der passende Ausdruck.

Und ich hatte das Gefühl, dass sich Herbert Diess dessen bewusst ist - im Gegensatz zu dem Rest des Konzerns. Oder des Aufsichtsrates. Wer sitzt denn da drin?

Hauptsächlich Politiker, Familienmitglieder der Porsche und Piëch Clans und natürlich Betriebsrat und Gewerkschaft. Ich sag mal salopp, die Reichen und Bräsigen der Das-Haben-Wir-Schon-Immer-So-Gemacht Fraktion. Nicht die Idealbesetzung für tiefgreifende Reformen.

Mike Frison / renn.tv

Da gibt es genau zwei Möglichkeiten: entweder es geht gut und die satten Herrschaften entwickeln ungeahnte Dynamik und Vorstellungskraft - oder es geht krachend schief.

Hier geht es gerade krachend schief.

Kürzlich gab es einen "Alte Schule" Podcast mit Wolfgang Porsche und seinem Sohn (Ferdinand) - siehe hier. Da kann man gut raushören, was ich meine. Zwei Ritter der Eitelkeit - selig in der dünnen Luft des Milliardärsadels. Das ist zwar schön oldschool, wenn es um Porsche, Rennsport und luftgekühlt geht - das ist aber auch furchtbar oldschool, wenn es um Zukunftsvisionen, EDV-Hintergrund und digitale Transformation geht.

Und da haben wir jetzt noch nicht über Integrität gesprochen. Und ob sich Herbert Diess das alles so gefallen lässt? Ihm wurden einige, große Rechnungen aufgemacht in kurzer Zeit - und wenn eines noch mächtiger ist als solche Großkonzerne, dann ist es das Ego ihrer Lenker.

Mike Frison / renn.tv

Bei VW gibt es die nächsten Monate einiges aufzupolieren.

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