Aggression im Straßenverkehr.

Freitag, 25. September 2020

Aggression im Straßenverkehr.

Als Motorsportler müssen wir uns diesen Schuh ganz besonders anziehen, denn die leistungsstarken und aggressiv gestylten Straßenableger der Rennautos sind oft die schnellen und luxuriösen Statussymbole im normalen Straßenverkehr.

Das fällt langsam auf.

Der tägliche Straßenkampf - heute bei fr.de:

Der Soziologe Harald Welzer hat einmal die Frage aufgeworfen, ob es als sozial erwünscht gelten könne, mit riesigen Geländewagen durch deutsche Innenstädte zu pflügen, als sei überall Bagdad oder Kabul. „Ein klassisches Spießer-Auto wie ein Audi sieht heute von vorn aus, als würde er alle vorausfahrenden kleineren Autos inhalieren und hinten durch den Vierrohrauspuff wieder ausscheiden. Das alles ist latente Aggression, die den Alltag durchzieht. Man zeigt nicht mehr, wer man ist, sondern was man anrichten könnte.“

"Latente Aggression" ist ja noch freundlich ausgedrückt.

Zum Auftritt muss man auch noch die heutigen Xenon- und Laser-Lichtanlagen zählen. Das sind keine Lampen, das sind Waffen. Besonders bei nasser Fahrbahn ist es für mich als Senior im Dunkeln kaum noch möglich ohne zu Erblinden mit dem Rad zu fahren. Der Unterschied fällt mir besonders auf, wenn ich mit dem Auto unterwegs bin - das ist nicht zu vergleichen.

Zu Optik, Licht, Sound und heutzutage ja leider auch muskulärer bzw. adipöser Masse gesellt sich dann gerne auch hohe Geschwindigkeit und knappe Abstände mit drängelndem Auffahren.

Und es wird immer offensichtlicher, dass es nicht mehr zeitgemäß ist. Trotzdem überbietet sich die Industrie mit PS und Aggro-Look.

Der neue M3 ist ein aktuelles Beispiel.

Fehlen nur noch die Boden-Boden-Raketen.

Mike Frison / renn.tv

Mir macht es auch Spaß Auto zu fahren und ich bin mehr Leistung gegenüber sehr aufgeschlossen. Aber in unserer heutigen Gesellschaft geht das Miteinander immer mehr verloren und Modelle mit der Bezeichnung "Competition" - also Wettbewerb - untermauern das Gegeneinander, in das wir uns verrannt haben.

Sportlich hat das auf der Rennstrecke durchaus seine Daseinsberechtigung, aber in der alltäglichen Mobilität schürt es nur weiter die Feindseligkeit.

Eigentlich sollten wir inzwischen schlau genug sein, um einen Straßenverkehr-Friedensvertrag auszuhandeln, anstatt maßlos weiter aufzurüsten.

Dem gesellschaftlichen Wandel geschuldet geht auch dem Motorsport allmählich die Luft aus - die DTM steht schon auf dem Abstellgleis. Wenn sich die Hersteller leise und unauffällig aus dem Werkssport zurückziehen, dann hat die Abrüstung vielleicht eine Chance.

Es ist übrigens ein deutsches Problem.

Schaut Euch mal die GT3 an für das 24h-Wochenende: außer den 2 Ferrari und dem Glickenhaus alles Fahrzeuge vom VW Konzern, BMW und Mercedes.


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